Zwischen Stärke und Zweifel: Das Paradox der Generation Alpha

Viele Kinder und Jugendliche in Deutschland geben sich selbstbewusst. Sie kennen ihre Stärken, erleben sich grundsätzlich als wertvoll und trauen sich vieles zu. Gleichzeitig zeigt sich hinter diesem positiven Selbstbild ein Spannungsfeld: Viele junge Menschen stehen unter Druck, haben Angst, Fehler zu machen, fühlen sich von Erwartungen überfordert oder wünschen sich mehr Selbstrespekt.

Zu diesen Ergebnissen kommt die aktuelle Sozialstudie „Selbstwert & Vorbilder“ der Bepanthen®-Kinderförderung, die gemeinsam mit der Universität Bielefeld und dem Kinder- und Jugendwerk „Die Arche“ im Juli 2026 vorgestellt wurde. Für die Studie wurden bundesweit 484 Kinder im Alter von 6 bis 11 Jahren, 611 Jugendliche im Alter von 12 bis 16 Jahren sowie 1.095 Eltern befragt. 
Selbstwert ist demnach nicht nur eine individuelle Frage, sondern hängt auch mit sozialer Herkunft, familiären Ressourcen, Vorbildern im Alltag und digitalen Lebenswelten zusammen.

  • Selbstbewusst, aber unter Druck: Viele Kinder und Jugendliche wirken stark, erleben aber zugleich Erwartungsdruck, Vergleichsdruck und Angst vor Fehlern.
  • Eltern statt Influencer – aber nicht für alle: Private Vorbilder stärken Kinder, sind. doch gerade Jugendliche mit niedrigem sozioökonomischem Status  haben seltener reale Vorbilder
  • Selbstwert ist auch eine soziale Frage: Jugendliche aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status berichten häufiger von Sorgen, Fehlerangst und dem Wunsch nach mehr Selbstrespekt.

Starkes Selbstbild, fragiler Selbstwert?

Auf den ersten Blick zeichnen die Zahlen ein positives Bild. 96 Prozent der Jugendlichen sind der Meinung, eine Reihe guter Eigenschaften zu besitzen, 95 Prozent betrachten sich als genauso wertvoll wie andere Menschen. 88 Prozent glauben, vieles genauso gut oder besser zu können als andere Menschen auch.

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Gleichzeitig wird deutlich: Dieses Selbstbild ist verletzlicher, als es zunächst scheint. Jeder zweite Jugendliche hat häufig Angst, etwas falsch zu machen. Mehr als die Hälfte fühlt sich zumindest manchmal davon überfordert, die Erwartungen der Eltern zu erfüllen.

„Die Studie zeigt eine junge Generation mit viel Selbstwert – doch sie steht unter hohem Druck. Viele Kinder und Jugendliche wissen um ihre Stärken – gleichzeitig erleben sie hohe Erwartungen, Vergleichsdruck und Angst vor Fehlern“, sagt Prof. Dr. Holger Ziegler, Studienleiter von der Universität Bielefeld.

Soziale Ungleichheit wirkt auch auf das Selbstbild

Besonders deutlich werden die Unterschiede beim Blick auf den sozioökonomischen Status der Familien. Jugendliche aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status berichten häufiger von Sorgen, Fehlerangst und dem Wunsch nach mehr Selbstrespekt. 28 Prozent von ihnen berichten von Sorgen – im Vergleich zu 13 Prozent bei Jugendlichen mit hohem Status. 62 Prozent haben Angst, Fehler zu machen, während es bei Jugendlichen mit hohem Status 40 Prozent sind. Auch der Wunsch nach mehr Selbstrespekt ist stärker ausgeprägt: 57 Prozent im Vergleich zu 44 Prozent bei hohem Status.

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Bernd Siggelkow, Gründer des Kinder- und Jugendwerks „Die Arche“, ordnet ein: „Armut nimmt Kindern nicht nur Geld. Sie nimmt ihnen oft auch Selbstvertrauen, Sicherheit und das Gefühl, dass die eigene Zukunft offensteht. Daher müssen wir nicht nur über materielle Hilfe sprechen, sondern auch über Ermutigung.“

Auch digitale Lebenswelten spielen eine Rolle: Bei Jugendlichen mit sechs oder mehr Stunden Social-Media-Nutzung pro Schultag ist der Anteil mit unterdurchschnittlichem Selbstwert fast dreimal so hoch wie bei Jugendlichen mit weniger als zwei Stunden Nutzung. Das bedeutet nicht, dass Social Media allein ausschlaggebend für Selbstzweifel ist. Es zeigt jedoch, dass digitale Vergleichsräume und der Selbstwert junger Menschen zusammen betrachtet werden sollten.

Die wichtigsten Influencer sitzen oft am Küchentisch

Ein zentrales Thema der Studie ist die Rolle von Vorbildern. 76 Prozent der Kinder und 64 Prozent der Jugendlichen haben ein Vorbild im privaten Umfeld. Von diesen nennen 82 Prozent der Kinder und 77 Prozent der Jugendlichen ihre Eltern als Vorbild. Für viele junge Menschen sind also Menschen aus dem direkten Umfeld die wichtigsten Orientierungspunkte.

Doch auch hier zeigt sich ein sozialer Unterschied. Jugendliche mit niedrigem sozioökonomischem Status haben seltener private Vorbilder: 55 Prozent im Vergleich zu 77 Prozent bei Jugendlichen mit hohem Status. Gleichzeitig nennen Jugendliche mit niedrigem Status häufiger mediale Vorbilder: 59 Prozent im Vergleich zu 47 Prozent bei Jugendlichen mit hohem Status. Mediale Vorbilder können Orientierung geben. Sie ersetzen aber nicht die Erfahrung, im eigenen Alltag gesehen, unterstützt und anerkannt zu werden.

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Kümmern statt Kohle

Auffällig ist auch, welche Eigenschaften Jugendliche an Vorbildern schätzen. Nur 3 Prozent nennen hier Reichtum, Besitz oder Schönheit als bewundernswerte Eigenschaften. Deutlich wichtiger sind für sie Fürsorge (27 Prozent), Hilfe und ein liebevoller Umgang (jeweils 23 Prozent).

Aus Sicht von Bernd Siggelkow geht es bei Vorbildern nicht um Perfektion, sondern um Verlässlichkeit: „Kinder brauchen keine perfekten Vorbilder. Sie brauchen Menschen, die bleiben, wenn es schwierig wird. Die zuhören, wenn andere wegsehen. Und die ihnen zeigen: Du bist nicht weniger wert, nur weil du weniger hast.“
Die zentrale Botschaft der Sozialstudie lautet daher: Kinder werden nicht allein durch Appelle stark. Sie brauchen Beziehungen, Ermutigung und Menschen, die ihnen zeigen, dass sie wertvoll sind – unabhängig von Leistung, Herkunft oder äußerem Erfolg.