Wie gerecht ist Deutschland? Kinder & Jugendliche fühlen sich machtlos und sind unzufrieden mit der Demokratie

  • „Machtlos“: Über 75 Prozent der Jugendlichen glauben, keinen Einfluss auf die Politik zu haben. Jeder zweite Jugendliche zweifelt am Engagement der Politik, Probleme überhaupt lösen zu wollen.
  • Studie offenbart große Unterschiede, wie Kinder aus unterschiedlichen sozialen Umfeldern Gerechtigkeit in Deutschland wahrnehmen. Der sozioökonomische Status (SOES) der Eltern spielt hier eine maßgebliche Rolle.
  • „Von wegen Generation Ego“: Jugendliche sorgen sich besonders um die Älteren.

„Ist Deutschland gerecht?“ „Ist die Welt gerecht?“ „Was bedeutet eine gerechte Gesellschaft?“ Diese und weitere Fragen wurden im Rahmen der Sozialstudie 2024 zum Thema Gerechtigkeit, die im Auftrag der Bepanthen®-Kinderförderung von der Universität Bielefeld durchgeführt wurde, von Kindern und Jugendlichen beantwortet. Die Teilnahme von über 1.200 Kindern (6 bis 11 Jahre) und Jugendlichen (12 bis 16 Jahre) ermöglicht ein repräsentatives Stimmungsbild.

Jugendliche fühlen sich machtlos und unbeachtet

Ein zentrales Ergebnis der Befragung ist, dass die deutliche Mehrheit der Jugendlichen 
(78 Prozent) erlebt - trotz des Aufkommens von Bewegungen wie „Fridays for Future“ - keinen Einfluss darauf zu haben, was die Regierung macht. 72 Prozent der Jugendlichen sind davon überzeugt, dass sich Politikerinnen und Politiker in Deutschland nicht viel darum kümmern, was Jugendliche denken. Mehr als die Hälfte (57 Prozent) spricht ihnen sogar das Bemühen ab, die wichtigsten Probleme unserer Gesellschaft lösen zu wollen. Bei der Beurteilung unserer Demokratie zeigt sich, dass 51 Prozent der Jugendlichen „im Großen und Ganzen“ nicht mit den herrschenden Zuständen zufrieden sind.

Das deckt sich mit den Ergebnissen der Vertrauensstudie 2022, die zeigte, dass das Vertrauen in öffentliche Einrichtungen, wie z. B. Behörden oder politische Organisationen, unter Jugendlichen nur mäßig ausgeprägt ist. 2022 vertraute nur jeder zweite Jugendliche der Bundesregierung (53,9 Prozent).

Denen da oben sind wir doch egal
Ich fuhle mich machtlos und ungesehen

Was braucht eine gerechte Gesellschaft?

„Diese komplexe Frage haben wir Jugendlichen gestellt. Die Kernaussagen waren Förderung von Bildung, Inklusion, Herstellung von Chancengleichheit, Hilfe und Unterstützung für Alte und Arme. Die Jugendlichen haben ein differenziertes Bild der gesellschaftlichen Komponenten, die eine gerechte Gesellschaft bedingen“, so Studienleiter Prof. Dr. Holger Ziegler von der Universität Bielefeld. „Erschreckend ist, dass die Jugendlichen diese Aspekte in der Praxis wenig abgebildet sehen. In ihrer Wahrnehmung sind sie von der Politik, also den Entscheidungsträgern in unserer Demokratie, ungesehen und ungehört.“ 

Hierbei spielt der sozioökonomische Hintergrund der Familien eine wichtige Rolle: Zusammenfassend könnte man sagen: "Je niedriger der sozioökonomische Status, desto höher die subjektive Wahrnehmung von Ungerechtigkeit." Kinder und Jugendliche aus Familien mit einem niedrigen sozioökonomischen Status (SOES) geben an, dass sie in ihrem Leben deutlich mehr Ungerechtigkeit erleben als solche mit einem höheren SOES. 37 Prozent der Jugendlichen mit niedrigem SOES empfinden Ungerechtigkeit als die Norm in ihrem Leben, während sich diese Zahl bei denen mit einem hohen SOES halbiert.
Das zeigt sich auch schon bei den Kindern: Kommen sie aus einer Familie mit einem hohen SOES, erleben 14 Prozent Deutschland als „sehr“ oder „eher“ ungerecht, bei niedrigem SOES erhöht sich dieser Anteil auf 59 Prozent.

Wir sind arm und die Welt ist ungerecht

Jugendliche fern vom Ego – besondere Sorge um Ältere

Die vorherrschende Einschätzung, die weitläufig über unsere nachwachsenden Generationen geäußert wird, reicht von „egoistisch“ bis hin zu „denen ist alles egal“. Die vorliegende Studie hat jedoch gezeigt, dass gerade Jugendliche bei der Frage danach, für wen oder was in Deutschland zu wenig getan wird, als erstes die Rentner*innen benannt haben (65 Prozent). Die Top Five wurden weitergeführt mit „gleichen Lebensbedingungen“ (62 Prozent) und „Bildung“, „Arme“ und „Gleichverteilung“ mit jeweils 61 Prozent. „Umwelt & Klima“ landeten mit 50 Prozent überraschenderweise auf dem neunten Platz. Und auch die Kinder haben bereits ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden, selbst wenn es um andere geht: 83 Prozent geben an, sie werden wütend, wenn andere ungerecht behandelt werden.

Ich finde, es wird zu wenig getan fur...

„Die Ergebnisse der Gerechtigkeitsstudie 2024 bestätigen unsere täglichen Erfahrungen in unserer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen,“ so Bernd Siggelkow, Gründer und Leiter des Kinder- und Jugendwerks „Die Arche“. „Wir sind immer wieder ganz konkret gefragt, gegen das Gefühl der Unsichtbarkeit bei Kindern und Jugendlichen anzuarbeiten. Sei es im Kleinen in ihren familiären Strukturen oder auch größer in der Gruppe. Wir arbeiten daran, das Gefühl von Kindern und Jugendlichen für Gerechtigkeit zu stärken und an ihrem eigenen Verhalten zu spiegeln.“ 

Das ist auch ein wesentlicher Aspekt der Praxis in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Verhaltenstherapeutin Melanie Gräßer ergänzt: „Es ist ein Gleichgewicht aus Sensibilisieren und Stärken, das jedem einzelnen Kind hilft und erlaubt, dass wir gemeinsam in einer gerechteren Welt leben. Ich setze auch einen Schwerpunkt auf die (Selbst-)Verantwortung und Selbstwirksamkeit, die Gesellschaft aktiv mitzugestalten.“