Wie gerecht ist Deutschland aus Sicht von Eltern?
Ergebnisse der Sozialstudie „Gerechtigkeit“ der Bepanthen®-Kinderförderung und der Universität Bielefeld zeigen: Mütter empfinden ihr Leben ungerechter als Väter – Alleinerziehende spüren Benachteiligung besonders stark.
Was bedeutet Gerechtigkeit für Familien in Deutschland – und wie gerecht empfinden Eltern das Land wirklich? Für die aktuelle Gerechtigkeitsstudie, durchgeführt von der Universität Bielefeld im Auftrag der Bepanthen®-Kinderförderung, wurden hierzu über 1.200 Mütter und Väter bundesweit befragt – zusammen mit ihren Kindern bis 16 Jahren. Die Ergebnisse, veröffentlicht am Weltelterntag 2025, geben tiefe Einblicke in das Gerechtigkeitsempfinden von Familien und zeigen deutlich: Es gibt viel zu tun!
Was Eltern empfinden – auf einen Blick
- Eltern erleben mehr Ungerechtigkeit als Jugendliche, vor allem in Bezug auf Chancengleichheit, Rentensicherheit und Bildung.
- Mütter empfinden das Leben deutlich ungerechter als Väter, besonders beim Thema Gleichbehandlung und soziale Absicherung.
- Alleinerziehende fühlen sich systematisch benachteiligt, etwa wenn es um Kinderförderung, Arbeitsmarktchancen oder Renten geht.
- Stadt vs. Land: Eltern außerhalb von Großstädten sehen größere Gerechtigkeitsdefizite.
- Ost-West-Differenz? Heute weniger entscheidend – entscheidend ist vielmehr der soziale Status.
Gerechtigkeit hat viele Facetten – aber Bildung steht ganz oben
Was Eltern unter einer gerechten Gesellschaft verstehen, ist vielschichtig: faire Chancen für Kinder, gute Bildung, soziale Sicherheit, Gleichbehandlung und politische Teilhabe. Besonders zentral ist für viele Eltern das Thema Bildung. Für Familien mit hohem sozioökonomischem Status (SOES) ist Bildungsförderung das Top-Thema, während Familien mit niedrigem SOES vor allem die allgemeine Unterstützung von Familien und bessere Lebensbedingungen einfordern. Gerade sie erleben häufiger Ungerechtigkeiten und fühlen sich häufiger politisch machtlos.
Alleinerziehend – doppelt benachteiligt?
Alleinerziehende Eltern sehen große Defizite bei Chancengleichheit, Gleichbehandlung und sozialer Absicherung. Alleinerziehende nehmen zudem ihre finanzielle Lage oft als ungerecht wahr: 72 Prozent von ihnen teilen diese Einschätzung, bei Paaren sind es nur 42 Prozent.
Besonders auffällig: Alleinerziehende Mütter nehmen gesellschaftliche Ungerechtigkeit noch ausgeprägter wahr. So sind 84 Prozent der Meinung, dass Chancengleichheit für Kinder stark vom Einkommen der Eltern abhängt – bei Paaren sagen das 68 Prozent. Bei der Gleichbehandlung von Mann und Frau klafft die Lücke besonders weit: 68 Prozent der alleinerziehenden Mütter sehen ein Ungleichgewicht, aber nur 15 Prozent der alleinerziehenden Väter.
Stimmen aus der Praxis
„Ohne starke Eltern und starke Kinder wird unsere Gesellschaft kaputtgehen. Wir müssen endlich anfangen, Kinder und Jugendliche aktiv in Entscheidungsprozesse einzubeziehen.“
Bernd Siggelkow, Gründer des Kinderhilfswerks „Die Arche“
Politik in der Kritik – besonders bei Eltern mit geringem Einkommen
Fast 70 Prozent aller befragten Eltern sind unzufrieden mit den Bemühungen der Politik, gesellschaftliche Probleme zu lösen. Besonders hoch ist die Unzufriedenheit in sozial benachteiligten Haushalten. 80 Prozent der Eltern mit niedrigem SOES sehen keinen Einfluss auf politische Entscheidungen – dieses Gefühl politischer Machtlosigkeit überträgt sich oft auf ihre Kinder.
Gerechtigkeit im Alltag: Mehrheit fühlt sich fair behandelt – aber nicht alle
Trotz vieler gesellschaftlicher Herausforderungen fühlt sich die Mehrheit der Eltern im Alltag fair behandelt. 79 Prozent empfinden Gerechtigkeit als Regelfall, nicht als Ausnahme. Aber: Für jede dritte Familie mit niedrigem SOES gehören Ungerechtigkeiten zum Alltag. Auch das Gefühl eingeschränkter Meinungsfreiheit ist verbreitet – fast jede und jeder Zweite hat das Gefühl, die eigene Meinung nicht frei sagen zu dürfen. Besonders betroffen: Eltern mit geringem Einkommen.
Eltern-Kind-Beziehung bleibt stark – trotz Stress
Trotz Stress und Problemen im Familienalltag erfüllen 80 Prozent der Eltern ihre eigenen Erwartungen an die Erziehung. 93 Prozent geben an, ihr Kind regelmäßig nach seiner Meinung zu fragen – eine Wahrnehmung, die von Jugendlichen bestätigt wird. Auch das Thema Gleichbehandlung unter Geschwistern wird von Eltern ernst genommen: 95 Prozent sind überzeugt, all ihre Kinder gleich zu behandeln – ein Eindruck, den die meisten Jugendlichen teilen.
Gerechtigkeit braucht mehr als gute Absichten
Die Studie zeigt klar: Eltern wünschen sich mehr Unterstützung – sei es in der Bildung, in der sozialen Absicherung oder bei der politischen Teilhabe. Unterschiede nach Einkommen, Geschlecht, Familienform oder Wohnort prägen das Gerechtigkeitsempfinden stark. Um Chancengleichheit für alle Kinder zu ermöglichen, müssen diese Unterschiede stärker berücksichtigt und konkrete Maßnahmen ergriffen werden.